MUSIK IST FÜR MICH WERTVOLL, SCHÖN UND EIN PARADIES FÜR MEINE OHREN
Wie mag er wohl sein, der typische Sänger im Knabenchor? Was für Musik hört er privat? Unterscheidet er sich durch sein außergewöhnliches Hobby sehr von seinen gleichaltrigen Mitschülern? Was ist ihm wichtig im Leben, und womit verbringt er die Zeit, die ihm neben Schule und den Verpflichtungen für den Chor noch bleiben? Gibt es denn eigentlich »den Sänger« im Knabenchor, oder sind es letztendlich doch alles »nur« ganz normale Jungen, die lediglich die Liebe zur Musik verbindet?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, nahm ich im Sommersemester 2006 mit dem KNABENCHOR HANNOVER Kontakt auf, in der Hoffnung, dass ich mit meinem Forschungsprojekt, einer empirischen Untersuchung von Mitgliedern eines Knabenchors, dort auf offene Ohren stoße.

Anhand der zahlreichen ausführlichen Antworten der Knaben, die bereitwillig ihr Alter, ihre Schule, ihren späteren Berufswunsch, ihre Hobbys, ihren Musikgeschmack und die Dinge, die ihnen im Leben wichtig sind, auf einem Fragebogen angaben, ließen sich die Mitglieder eines professionell und international agierenden Knabenchors bereits ein wenig einschätzen. Auch wenn das Forschungsprojekt letztendlich nur Tendenzen aufzeigen konnte, stellten sich doch bestimmte Merkmale eines typischen Knabenchorsängers als charakteristisch heraus: Meist sind die jungen Sänger bereits mehr als ein Drittel ihres Lebens (entspricht im Schnitt mehr als fünf Jahren) Mitglied im Knabenchor.

Zum großen Teil begründen sie ihr Engagement damit, dass ihnen das Singen (immer noch) Spaß macht. Obwohl bei vielen der Jungen für die Anmeldung zum Vorsingen der Elternwunsch oder auch die Empfehlung von Freunden oder Bekannten ausschlaggebend gewesen ist, hängt die Bindung an das Ensemble sehr eindeutig mit dem eigenen Wunsch der Jungen zusammen. Leider muss sich jedoch ein Großteil der Knaben deutlich stärker für das außergewöhnliche Hobby rechtfertigen, als dies für ihre Mitschüler gilt, die in ihrer Freizeit beispielsweise Fußball spielen. Hinsichtlich der musikalischen Präferenzen hat sich herausgestellt, dass die klassische Musik einen überproportional hohen Stellenwert bei den Knaben einnimmt, auch wenn altersgemäße Musikstile wie Hip Hop, Rock und Pop ebenso Erwähnung und Anerkennung finden. Das eher »unpopuläre« Stück Magnificat von John Rutter aus dem Repertoire des Chores, welches auf die Spitzenposition der Lieblingslieder der Knaben gewählt wurde, ist nur ein Beispiel für den unkonventionellen Musikgeschmack.

Im privaten Bereich beschreiben viele der befragten Jungen ihre Familie bzw. ihr Zuhause als den wichtigsten Bestandteil ihres Lebens. Der familiäre Hintergrund der Knaben dürfte somit deutlich positiver ausfallen, als dies für viele ihrer Altersgenossen festzuhalten ist Die Freizeit der Jungen füllt neben der Musik häufig das Fußball-, Tennis-, Tischtennistraining aus. Ein sehr großer Teil der Jungen lernt zudem ein weiteres Instrument wie beispielsweise Klavier, Cello, Trompete oder auch Gitarre. Der Spaß am Lernen und die Freude am Klang des Instrumentes scheint bei vielen von ihnen für den Instrumentalunterricht ausschlaggebend zu sein. Der Elternwunsch wird nur selten als Begründung angeführt. Entgegen meiner Antizipationen im Vorfeld, wonach die jungen Sänger doch zu Berufen mit musikalischer Prägung tendieren müssten, zieht der Großteil der Knaben Berufe wie Fußballprofi oder auch Arzt bzw. Rechtsanwalt für sich in Betracht. Nur sehr wenige liebäugeln mit der Arbeit als Opernsänger, Komponist, Pianist oder auch Dirigent. Erstaunlicherweise befinden sich jedoch im derzeitigen Ensemble – wenn man den Antworten der Knaben Glauben schenken will – ebenfalls spätere Physiker, Green-Peace- Aktivisten, Paläontologen, Designer, Fernsehmoderatoren, Feuerwehrmänner, Köche oder auch Comic-Zeichner.

Die abschließende Frage nach der Rolle der Musik in ihrem Leben ist so vielfältig wie die Mischung des Chores ausgefallen. Viele charakterisieren die Musik als »wichtig «, »wertvoll« und »schön« und sprechen davon, dass sie »einen großen Teil ihres Lebens ausmacht«. Einige geben an, dass Musik »ein (cooles) Hobby« von ihnen ist, das ihnen Abwechslung und große Freude bereitet. Zum Teil wird jedoch auch poetisch mit der Charakteristik der Musik als »Gabe Gottes« bzw. dem Vergleich mit einem »Roman « mit dem man »nicht aufhören kann« argumentiert. Letztendlich ist die Suche nach »dem typischen« Sänger eines Knabenchors zwar unerfüllt geblieben, da alle Jungen neben dem Knabenchor zahlreichen anderen Hobbies wie dem Fußballspielen oder dem Klavierunterricht nachgehen und somit nicht ausschließlich in der Jugendkultur Knabenchor verankert sind. Dennoch kann die Auseinandersetzung mit dem spannenden und aufschlussreichen Forschungsfeld »Knabenchor« als Anstoß dazu verstanden werden, dass sich sowohl die musikpädagogische als auch die musikwissenschaftliche Auseinandersetzung stärker mit einer solchen musikalischen Subkultur und ihren Eigenheiten auseinandersetzt.

Franziska Kobusch Franziska Kobusch studierte bis Juni 2007 Schulmusik, Germanistik und Pädagogik – zunächst an der HMT Hannover und der Universität Hannover, später an der Hochschule für Künste und Universität Bremen. Im November 2007 begann sie ihr Referendariat mit den Fächern Musik und Deutsch am Studienseminar Celle.

Quelle: KNABENCHOR HANNOVER CHORMAGAZIN, Ausgabe 6

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