Stimmbruch: Bruch ohne Gips
»Zuerst dachte ich nur an Heiserkeit« berichtet Konstantin, 14. Doch was zunächst den Anschein einer harmlosen Erkältung hatte, entpuppte sich wenige Wochen später als das jähe Ende seiner Zeit als Knabenstimme. Der Stimmbruch hatte den Jungen eingeholt. Aus der glockenhellen Sopranstimme wurde eine brüchige Jugendstimme.

Auch bei Jakob (13) waren vor den Sommerferien noch keine Anzeichen für den Stimmbruch zu hören. Doch kurze Zeit später hatten die Stimmnachbarn den Eindruck, der Junge habe mit einem schweren Schluckauf zu kämpfen, da die sonst so klare Altstimme plötzlich unkontrollierte Misstöne von sich gab. Bereits zwei Wochen später war an ein Weitersingen nicht mehr zu denken. Zwar setzte der Stimmbruch bei Jakob recht plötzlich ein, dennoch wäre es auch bei ihm nur noch eine Frage der Zeit gewesen. Denn statistisch gesehen beginnt die Pubertät und damit der Stimmbruch heutzutage bereits im Alter zwischen 11 und 13 Jahren und setzt damit sehr viel früher ein als in der Vergangenheit. Als Gründe für diese Entwicklung werden insbesondere eine abwechslungsreichere Ernährung, Umwelteinflüsse, aber auch der immer frühere Kontakt mit der Erwachsenenwelt angegeben. Zu Zeiten Johann Sebastian Bachs war es dagegen keine Seltenheit, dass selbst 17-jährige als so genannte Kapellknaben noch im Sopran mitwirkten. In den 80er Jahren stellte Sebastian, Sohn von Chorgründer Prof. Heinz Hennig, mit seinen 15 Jahren bereits eine Ausnahme dar, erinnert sich Rosali Hennig. Ursprünglich wurde unter einem »Knaben« daher ein Junge ab einem Alter von 12 oder 13 Jahren verstanden, welcher in diesem Alter – im Gegensatz zu heute – noch mehrere Jahre als Knabenstimme vor sich hatte.

Durch den immer früher einsetzenden Stimmbruch gestaltet sich die musikalische Arbeit mit den Kindern heutzutage zunehmend aufwändiger. Die Schwierigkeit für den Chorleiter besteht darin, den von hellen Vokalen geprägten Kinderchorklang zu vermeiden und einen typischen Knabenchorklang zu formen. Ältere Jungen können die anspruchsvolle Literatur mit einer höheren Ausdrucksstärke und Musikalität darbieten und verfügen über eine längere Konzentrationsfähigkeit für mehrstündige Proben. Heutzutage beträgt die Mitgliedschaft eines Jungen im Hauptchor aber nur noch höchstens zwei bis vier Jahre, im Konzertchor oft sogar noch darunter. Gerade wenn ein Knabe durch regelmäßige Stimmbildung und Proben eine kräftige Stimme bekommen und sich durch seine Konzerterfahrungen zu einer echten Stütze des Chores entwickelt hat, ereilt ihn viel zu früh der Stimmbruch, beklagt Chorleiter Jörg Breiding.

Konstantin und Jakob bedauern sehr, dass ihre Knabenzeit nun vorüber ist. Zwar sei die gewonnene Freizeit erst einmal etwas Besonderes, jedoch vermissen die beiden auch die zur Gewohnheit gewordenen Proben und vor allem die im Chor geschlossenen Freundschaften. Doch während früher der Kontakt zum Knabenchor durch den Stimmbruch abzubrechen drohte, gibt es seit 1983 einen so genannten Mutantenkurs, der die Zeit zwischen dem Ausscheiden als Knabenstimme und dem Wiedereintritt als Männerstimme überbrücken und gleichzeitig den Kontakt zum Hauptchor erhalten soll. Mit Thomas Seedorf, heute Professor für Musikwissenschaften in Freiburg (Breisgau), Martin Brauß, Professor für Oper und Dirigieren sowie Vizepräsident der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, und Klaus Jürgen Etzold, Professor für Fachdidaktik an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover und Studiendirektor in Gehrden, hatten damals drei um die Musiklandschaft in Hannover und Deutschland verdiente Personen die Leitung der Theoriekurse übernommen. Der Name des Kurses sorgt bis heute immer wieder für manche Heiterkeit. Auf der einen Seite zwar korrekt vom lateinischen Wort für Veränderung »mutation« abgleitet, auf der anderen Seite aber immer wieder ein gebräuchliches Synonym für monsterähnliche Kreaturen in Kinofilmen oder Computerspielen, hat er bei so manchem Knaben erst einmal Skepsis geweckt. Doch diese ist unbegründet. Marvin (14), bei dem sich der Stimmbruch im letzten halben Jahr durch zunehmende Aussetzer in den hohen Tonlagen ankündigte, ist von seinen bisherigen Eindrücken in der neuen Umgebung jedenfalls hellauf begeistert. Einen großen Anteil daran hat der Leiter des Kurses. Markus Büring (33) bereitet die Arbeit mit den Jungen große Freude, da vorhandene Notenkenntnisse, ein gutes musikalisches Vorstellungsvermögen sowie Motivation und Engagement, sich mit Musiktheorie zu beschäftigen, bei den Jungen außerordentlich ausgeprägt sind. Rosali Hennig vergleicht den Unterricht aufgrund der Erfahrungen, welche die Kinder mitbringen, mit einem äußerst anspruchsvollen Musikunterricht, der gegenüber einem Musik-Leistungskurs auf einem Gymnasium sogar den Vorteil aufweise, dass sich den Themen viel intensiver und ungezwungener gewidmet werden könne. Auch Jörg Breiding beschreibt den wöchentlichen Kurs als einmalige Gelegenheit, die im Chor gewonnene Praxis durch fundierte Theorie zu vertiefen, beispielsweise indem die tiefgründige Literatur des Komponisten Andreas Hammerschmidt in einem Theoriekurs durch eine Auseinandersetzung mit dem 30-jährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden von 1648 aufgearbeitet werden könne. Neben der Werkanalyse, Gehörbildungsübungen, Interpretationshören oder rhythmischen Übungen vertieft Markus Büring auch die banal erscheinende, aber im schulischen Musikunterricht oft vernachlässigte Auseinandersetzung mit Tonleitern und Akkorden. Bei aller Theorie soll der Spaß jedoch keineswegs auf der Strecke bleiben. Allwöchentliche Fußballspiele, die Besichtigung einer Orgel oder ein gemeinsamer Grillabend sorgen für unvergessene Erlebnisse, ebenso wie die Besuche der Knabenchor-Konzerte. Markus Büring will damit erreichen, dass die Jungen am Abend nach Hause gehen und gemeinsam mit ihren Freunden nicht nur für den Augenblick, sondern auch für das spätere Leben wichtige Erfahrungen gesammelt haben. Ulli (15), der nach den Sommerferien in den Kreis der Männerstimmen zurückgekehrt ist, erinnert sich jedenfalls gern an seine Zeit im Mutantenkurs und legt allen Jungen, die in den Stimmbruch kommen, den Besuch nahe. Auch Konstantin und Marvin haben sich eine Rückkehr in den Kreis der Männerstimmen fest vorgenommen. Diese ist je nach unterschiedlicher Entwicklung nach einem bis drei Jahren möglich und wird mit Hilfe einer regelmäßigen Überprüfung des Stimmfortschritts durch den Stimmbildner abgestimmt. Zwei Wochen später beim Spiel Hannover 96 gegen den SC Freiburg fachsimpelt Konstantin ausführlich über den Ausgang des Spiels. Diesmal ist die Heiserkeit aber das Resultat unüberhörbarer Sympathiebekundungen für seinen Lieblingsverein.

À propos »Stimmbruch« Grund für das sprichwörtliche »Brechen« der Stimme ist das ungleichmäßige Wachstum der Stimmlippen. Dabei kann es passieren, dass eine der beiden Stimmlippen kurzzeitig länger ist als die andere, so dass sich die produzierten Töne schräg anhören oder zum Teil gar nicht angesprochen werden können. Die Jungenstimme ist in der Pubertät weniger leistungsfähig, was zur Folge hat, dass sie unkontrolliert zwischen der bereits männlichen Stimmlage und der Kinderstimme wechselt. In der Wachstumsphase vergrößert sich mit dem Hals auch der Kehlkopf, welcher danach näher am Brustkorb liegt. Durch Brustresonanz entwickelt die Stimme mit der Zeit ihren vollen männlichen Klang. Der Kehlkopf wächst auch nach dem Stimmbruch noch weiter: Erst im Alter von 25–30 Jahren ist die männliche Stimme voll entwickelt Auch Mädchenstimmen verändern sich in der Pubertät. Im Rahmen des ganz normalen Körperwachstums vergrößert sich auch der Kehlkopf der Mädchen. Da ihre Stimmlippen allerdings nur gering wachsen, wird ihre Stimme lediglich um eine Terz oder Quarte tiefer.

Inzwischen wird der Stimmbruchkurs von Eiko Saathoff geleitet.
Quelle: KNABENCHOR HANNOVER CHORMAGAZIN, Ausgabe 1, Herbst 2004

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