Vorsingen beim KNABENCHOR HANNOVER
Sonntag Vormittag. Fünf Mitarbeiter aus Vorklasse und Hauptchor an einem langen Tisch, eifrig Notizen machend. Dazu Jörg Breiding am Klavier. Auf der anderen Seite vier mit den Füßen baumelnde Jungen. Ihre bunten Pullover spiegeln sich im schwarzen Konzertflügel. Die nächsten 15 Minuten werden ihr Leben zwar nicht verändern, aber doch prägend beeinflussen.

Zusammen mit ihren Eltern sind sie heute zum jährlich stattfindenden Vorsingen gekommen, das früher »Aufnahmeprüfung « genannt wurde. An diesem Tag entscheidet sich, wer in die Vorklasse des KNABENCHOR HANNOVER aufgenommen wird, in der stimmliche, musikalische und rhythmische Grundlagen für den Hauptchor gelegt werden. Erwartet werden hier und heute aber keine Wunderkinder. Voraussetzung für eine Aufnahme in den Chor sind vielmehr ein gesunder Stimmapparat und ein natürliches musikalisches Vorstellungsvermögen. Tonleitern, Akkorde, Stimmbildung und die Chorliteratur können später in der Vorklasse und im Hauptchor erlernt und erarbeitet werden.

Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit wirken die Jungen ruhig, beinahe routiniert. Fast scheint es so, als ob sie unaufgeregter sind als ihre auf Distanz sitzenden Eltern. Daniel (8) hat auch gar keinen Grund dazu, singt er doch bereits im Chor seiner Grundschule. Zwar beherrscht er noch keine Musiknoten, dafür konnte er seine Schulmusiklehrerin aber mit seiner Stimme überzeugen, die ihn sogleich für den Knabenchor empfahl. Seine tiefblauen Augen inspizieren nun voller Interesse Chorheim und Probensaal. Für Leander (7) war der Weg zum Knabenchor dagegen durch seine beiden Brüder vorgezeichnet, die den Sprung über die Vorklasse in den Hauptchor bereits hinter sich haben. CD-Einspielungen und aktuelle Chorliteratur der größeren Brüder gehören für den aufgeweckten Jungen somit längst zur Freizeitbeschäftigung.

Für die Eltern beider Jungen ist neben der musikalischen Ausbildung, die an den Schulen vielfach einen immer kleineren Stellenwert einnimmt, insbesondere das soziale Umfeld ein außerordentliches Entscheidungskriterium für den KNABENCHOR HANNOVER. Sie loben die pädagogische Arbeit und die familiäre Atmosphäre der Einrichtung. Trotzdem entsteht nicht der Eindruck, dass die Teilnahme am heutigen Vorsingen einzig und allein dem Wunsch der Eltern entspricht. Im Gegenteil: Während Daniel und Leander beim Warten in einem Nebenraum des Probensaals zunächst noch von Büchern, Spielen, Instrumenten und Bildern abgelenkt werden, können sie ihren Auftritt mit zunehmender Zeit kaum noch abwarten.

Nach einer Dreiviertelstunde ist es dann endlich so weit. Zunächst reihen sich die vier Jungen um das Klavier herum und sollen gemeinsam Dreiklänge nachsingen. Um auch dem Fünfjährigen dieser Gruppe, dessen Nasenspitze noch nicht einmal bis zum Bauch des Flügels reicht, die letzte Scheu zu nehmen, singt der Chorleiter die ersten Töne in der Originallage mit, was die Kinder in fasziniertes Erstaunen versetzt. Hatte sie dieselbe Person nicht eben noch mit einer tiefen Bassstimme begrüßt? Es folgt der erste Soloauftritt. Nacheinander sollen die Kinder Tonfolgen nachsingen, was den beiden strohblonden Jungen keinerlei Schwierigkeiten bereitet. Auch der Vorwurf, dass Kinder aufgrund des erhöhten Medienkonsums vielfach nicht mehr in der Lage seien, etwas anderes als einen aus der Radio- und Fernsehwerbung bekannten Jingle vorzusummen, kann zumindest heute eindrucksvoll widerlegt werden. Sowohl Daniels »Was das wohl bedeutet, wenn's Schneeglöckchen läutet« als auch Leanders »Hallelujah« lassen kaum noch Zweifel an einer Aufnahme in den Knabenchor aufkommen. Als dann zum Schluss auch noch das Erkennen von Veränderungen von auf dem Flügel gespielten Tonfolgen gemeistert wird, blicken die beiden Jungen ihren Spiegelbildern sichtlich zufrieden entgegen.

Allen Grund zur Zufriedenheit hat auch der Chorleiter. Fast alle Kinder, die sich heute vorgestellt haben, verfügen über musikalische Fähigkeiten, die sie für eine Aufnahme in den KNABENCHOR HANNOVER prädestinieren.

Offiziell wird den Jungen und ihren Eltern die Entscheidung des Chores erst ein paar Tage später in einem Brief mitgeteilt. Für Daniel und Leander wird sich dann herausstellen, dass dieser Sonntagvormittag im Chorheim erst der Beginn einer spannenden und ereignisreichen Zeit im Knabenchor war.

Quelle: KNABENCHOR HANNOVER CHORMAGAZIN, Ausgabe 2, Frühjahr 2005

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